Neues
aus dem BDA
"Die
Raumstadt"
Vorwort
von Tassilo Sittmann
Walter
Schwagenscheidts beruflicher Werdegang war von Anfang an geprägt
von seiner Erkenntnis, dass das Wesen von Architektur und Stadtbau
im Gestalten von Räumen bestehe. Bis zum Jahre 1920 hatte er so
viele Stadträume und Naturräume mit Kohlestift aufgezeichnet, dass
er mit diesen einen Idealstadtplan zusammenfügen konnte, den er
Raumstadt nannte. Walter Schwagenscheidt hat seine Raumstadt der
Jugend gewidmet.
Ab 1920 begann er mit dieser Stadtvision in Wanderausstellungen
und Vorträgen,
sich an der damaligen Diskussion über den neuen, modernen Nachkriegsstädtebau
zu beteiligen.
Die Idee der Raumstadt ist, obwohl sie vor mehr als 80 Jahren
geboren wurde, aktuell geblieben, da sie nicht die modische Erfindung
eines Architekten
ist, sondern das Entdecken und Nutzbarmachen eines Urelementes, das immer
latent vorhanden war. Die Raumbildung gibt den Städtebauern in überraschender
Weise unerschöpfliche Möglichkeiten der Gestaltung.
Der Schriftsteller Joseph Ponten bildete im Jahre 1925 in seinem
Buch Architektur die nicht gebaut wurde drei Kohlezeichnungen
von Walter Schwagenscheidt
ab und schrieb dazu: "Revolutionär, aber vernünftig, allenfalls möglich
und jedenfalls in hohem Sinne sozial sind die Ideen einer Raumstadt des
jungen Architekten Schwagenscheidt. Raum ist für ihn die Zelle alles
Architektonischen, mehr der Naturraum als der umbaute Raum. Immer sieht
er ihn nach oben offen. Seine Räume sind von Architektur weniger ummauert
als umwallt. In die Architektur bezieht er auch den Baum, die Hecke,
die Wiese und den Wald ein. […] Zurück zur Natur! ruft es auch hier ?
ach, bleibt das in unserem lärmigen Zeitalter, das seinen Geist aus engen
Zivilisationsstädten bezieht, nicht Traum? Wir wollen es nicht wünschen,
alles tun und überall mithelfen, damit der Ruf nach Natur, Weite, Freiheit
und Raum in unseren und den kommenden Tagen nicht ungehört verhallt …"
Als Hochschulassistent an der TH Aachen und später als Lehrer
an der Technischen Lehranstalt Offenbach konnte Walter Schwagenscheidt
seine
Raumstadtkonzeption vertiefen und um viele Elemente erweitern. Auch der
Gedankenaustausch mit Kollegen anderer Disziplinen regte ihn an und kam
seinen Grundlagenforschungen zugute.
Heute sprechen alle Häuserbauer von der passiven Sonnennutzung. Baugesetze
zwingen sie, sich ernsthaft mit der Energieeinsparung zu befassen. Walter
Schwagenscheidt hatte dies in den zwanziger Jahren bereits mit seinen
umfassenden Besonnungsuntersuchungen vorweg genommen, mit dem Ergebnis:
Alle Gebäude müssen für eine optimale Besonnung um 22,5 Grad gegenüber
der reinen Nord-Süd-Stellung verschoben werden.
Wie viel Gewicht den Ergebnissen seiner Sonnenberechnungen schon
damals beigemessen wurde, zeigt ein in meinem Archiv aufbewahrter
Brief von
Walter Gropius, dem Gründer des Bauhauses, an Walter Schwagenscheidt,
vom 3. 6. 1929.
Hannes Meyer, der Nachfolger von Gropius am Bauhaus Dessau, bemühte sich,
Walter Schwagenscheidt als Lehrer an das Bauhaus zu holen. Walter Schwagenscheidt
zog es damals vor, in der Praxis zu bleiben und mit der Planungsgruppe
Ernst May als deren erster Architekt nach der UdSSR zu ziehen, um dort
zwischen 1930 und 1933 in den Weiten Russlands moderne, sozialistische
Städte zu planen. Für Stadtneugründungen im Ural und in Sibirien konnte
er seine Stadtbaukonzepte aus der Raumstadt planerisch einbringen.
In der UdSSR stellte sich nach den ersten Jahren Stadtplanung
durch die westeuropäischen Planungsgruppen heraus, dass deren Vorschläge mit ihrem
hohen Konstruktions- und Ausbaustand von der sowjetischen Bauindustrie
nicht verwirklicht werden konnten. Als außerdem klar wurde, dass die
nur für eine zeitlich begrenzte Dauer erstellten Baracken- und Zeltstädte
für die Tausenden von Bauarbeitern bald wieder abgerissen werden sollten,
schlug Walter Schwagenscheidt die wachsende Stadt und das wachsende Haus
aus leicht erhältlichen, ortsüblichen Baustoffen vor.
Diese Idee, auf einer 13 m langen Zeichenrolle bis in einzelne
Details umfassend veranschaulicht, überzeugte damals den obersten Sowjetbaubeamten
in Moskau mehr als die perfektionistischen Vorschläge mit Wohnhochhäusern,
die kurz vorher von anderen westeuropäischen Planern vorgelegt worden
waren. Mit der in Etappen ausbaubaren und erweiterbaren Raumstadt und
den dafür entwickelten Haustypen hat Walter Schwagenscheidt wiederum
eine heute aktuelle Planungsaufgabe vorweg genommen, nämlich die "Starterhausidee".
Eine Aufgabe, die in überbevölkerten, armen Regionen auf unserer Erde
immer noch einer Lösung harrt und wie sie Walter Schwagenscheidt bereits
vor einem dreiviertel Jahrhundert als realistisch für die Stadtneugründungen
am Ural und in Sibirien vorschlug.
Walter Schwagenscheidt gab seine literarische Tätigkeit nie auf. Er veröffentlichte
das liebenswerte Büchlein Ein Mensch wandert durch die Stadt. An den
Bausparer richtete sich sein Buch Wenn einer sein Haus baut. Nach dem
Buch Die Nordweststadt ? Idee und Gestaltung erschien posthum seine letztes
Werk Die Raumstadt und was daraus wurde. Diese Bücher sind schon lange
vergriffen.
Mit dem Reprint von Die Raumstadt aus dem Jahre 1949 wird durch
die Arbeit der Bauhaus-Universität Weimar, das heißt von Herrn Ulrich Wieler und
den Studenten am Lehrstuhl Entwerfen und Gebäudelehre von Herrn Professor
Hubert Rieß, nun wieder vor allem der jungen Architektengeneration eine
der wichtigsten, grundlegenden und zukunftsträchtigen Städtebauphilosophien
erschlossen. Das Drucktext-Ergänzungsheft wird auch allen, welche die
Sütterlinschrift nicht mehr gelernt haben, den Zugang zu dieser sowohl
architektonischen als auch sprachlich wertvollen Zeichendokumentation
wesentlich erleichtern. Als ehemaliger Juniorpartner von Walter Schwagenscheidt
möchte ich ganz besondere Anerkennung und höchstes Lob allen denjenigen
aussprechen, die am Gelingen des Raumstadt-Reprints mit dem für die Forschung
wertvollen Ergänzungswerk beteiligt waren.
Viel ist bis heute über Walter Schwagenscheidt geschrieben worden. Manches
davon wird ihm wohl gerecht, manches jedoch nicht. Man sollte sich hüten,
ihm posthum ein Kostüm überzustülpen, dessen wie auch immer gestrickte
Maschen aus der relativen Vorstellung des Betrachters entstanden sind.
Wer ihn nicht persönlich kannte, wird ihn leicht verkennen, möglicherweise
als unrealistischen Sonderling apostrophieren, was seinem schöpferischen,
freiheitlichen Geist und seiner hochkarätigen Fachkompetenz jedoch auf
gar keinen Fall entspricht.
Seine Raumstadt ist ein auf umfassender Erkenntnis nüchtern und logisch
aufgebauter Entwurf, der mit hoher, zeitgerechter Technik erfüllt ist
und gleichzeitig größtmögliche Wirtschaftlichkeit einschließt. Sie ist
aber auch eine architektonische Vision, die menschliche Wünsche nach
Geborgenheit und Kommunikation und die Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie
in moderner Raumform zum Ausdruck bringt.
Wir dürfen Hoffnung schöpfen, dass gerade gegenwärtig junge, kreative
Menschen die Ideen der Raumstadt aufgreifen und die geistigen Schätze,
die in Walter Schwagenscheidts Raumstadt verborgen liegen, wegen ihrer
bleibenden Bedeutung der forschenden und planenden Fachwelt aufs Neue
erschließen.
So wurde von Prof. Karl Otto, TU Berlin, anlässlich des Todes Walter
Schwagenscheidts formuliert: "Die Bedeutung dieses hervorragenden Mannes
wird weiter wachsen und vielleicht erst nach einigen Jahrzehnten voll
verstanden werden".
Ab 1952 arbeiteten Walter Schwagenscheidt und ich partnerschaftlich
zusammen und wir konnten gemeinsam das Raumstadtkonzept, das
sich zum großen Teil
aus sozialistischem Gedankengut entwickelt hatte, zu einer Grundlage
für die Lebensformen einer offenen Gesellschaft mit all ihrer individuellen
Vielfältigkeit weiterentwickeln.
Ich wünschte, dass durch die Initiative der Bauhaus-Universität Weimar
das Gedankengut Walter Schwagenscheidts, wie es in seinem Buch Die Raumstadt
geistreich, mit Mutterwitz und Humor und doch so klar verständlich und überzeugend
niedergeschrieben wurde, in die Zukunft weitergetragen wird.
 |
|
|
|