Neues
aus dem BDA
Rede
von Oswald Mathias Ungers aus Anlass der Verleihung der Goetheplakette
der Stadt Frankfurt am Main
"Als
mich Christoph Mäckler eines Abends im November letzten Jahres
anrief, um mir zu sagen, er habe eine erfreuliche Nachricht, war
ich sehr gespannt, was das wohl sei: "Der Magistrat der Stadt
Frankfurt hat beschlossen, Dir die Goethe-Plakette zu verleihen."
Das war nun wirklich eine Überraschung mir, einem Architekten und
Baumeister, die Goethe-Plakette, mit der doch im allgemeinen Geisteswissenschaftler,
Literaten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ausgezeichnet
werden. Mein erster Gedanke war Goethes Brief an Kanzler Müller,
den er in einem Alter schrieb, dem auch ich mich allmählich nähere: "In
meinen hohen Jahren", schrieb er, "muss die unverbrüchliche
Maxime sein, durchaus und unter jeder Bedingung in Frieden zu leben.
Ich möchte um keinen Preis bei irgendeiner Kontestation, sie habe
einen politischen, literarischen oder moralischen Anlass, als tätig
mitwirkend erscheinen."
Diesen,
mir in letzter Zeit vertraut gewordenen Gedanken schnell wieder
vergessend, freute ich mich über die glückliche Mitteilung
und dankte Christoph für seine Nachricht, vermutend, dass
es seine Initiative war, mich, wie ich annehme aus Dankbarkeit
für seinen alten Lehrer und Freund, für diese Ehrung
vorzuschlagen.
Seit dem Anruf im November beschäftigt mich nun die Frage: warum
mir, einem Architekten - mehr Handwerker als Philosoph - diese hohe Auszeichnung
verliehen werden soll. Was, so fragte ich mich, verbindet meine Arbeit
der letzten 50 Jahre mit der geistigen Welt Goethes? Welches sind überhaupt
die geistigen Werte meines Tuns, die eine solche Ehrung rechtfertigen?
Ein großes Bauvolumen abgewickelt zu haben, ist sicherlich kein
Grund zur Auszeichnung. Es wäre bestenfalls ein Beweis praktischer, ökonomischer,
technischer und organisatorischer Fähigkeiten. Erfolg, der ultimative
Maßstab in einer Leistungsgesellschaft, kann nicht den Ausschlag
für meine Wahl gewesen sein, sagte ich mir, denn dann hätten
andere, erfolgreichere Architekten den Preis eher verdient als ich.
Nun muss ich gestehen, dass Erfolg zu haben, allen zu gefallen,
in den Medien gelobt und gepriesen zu werden, zu keiner Zeit
das Motiv meiner
Arbeit war. Der Zeitgeist war nicht meine Sache. Deshalb auch musste
ich lernen, mit ständiger Kritik, oft mit dumpfmeisterlicher Polemik
und trivialer Stigmatisierung zu leben.
In schwierigen Zeiten habe ich mich jedoch immer an einen Ausspruch
Mark Aurels erinnert, der, als er gefragt wurde, wem seine philosophische
Arbeit nutze, antwortete: "Ich bin zufrieden, wenn 100 meine Arbeit
verstehen, es reicht mir auch, wenn es nur 10 sind, einer wäre mir
auch genug und wenn es gar keiner wäre, würde ich nicht verzweifeln."
Mit anderen Worten: die Selbstachtung, die geistige Unabhängigkeit
und Verwirklichung des persönlichen Willens waren mir wichtiger
als die schnelle Anerkennung mit meist kurzfristigem Verfallsdatum.
Ich bin in einer Architekturwelt aufgewachsen, die von dem allumfassenden
Begriff des Funktionalismus geprägt wurde. Die Erfüllung der
Funktion, nicht die Form, war die allgemein anerkannte Zauberformel.
Bis heute hat sich die immer noch griffige, etwas ranzig gewordene Sullivan-Formel "form
follows function" unauslöschbar in den Köpfen der meisten
Architekten festgesetzt. Der daraus resultierende Funktionalismus, in
Verbindung mit der Konstruktion, ist die verlässliche Methode, die
automatisch zu gesicherten Ergebnissen führt vergleichbar dem faktischen
Denken in den Wissenschaften, die ausschließlich auf den messbaren
und dem analytischen Methoden beruhen.
Sehr früh schon - noch während meiner Studienzeit - kamen mir
Bedenken gegen dieses empirische Nützlichkeitsdenken und ich suchte
nach anderen Möglichkeiten, mit einer nicht funktionalen Logik die
Gestaltformen der Architektur zu erfassen.
Zu der Zeit entdeckte ich eine kleine, vielfach unbeachtete,
für
mich aber entscheidende Schrift Goethes. Der Titel heißt: "Die
Metamorphose der Pflanzen". In dieser kleinen Schrift erschloss
sich mir eine Ideenwelt, die sich nicht auf das Prinzip der Kausalität
bezog, sondern auf die Umwandlung der Dinge, durch die Metamorphose,
nach welcher ein Teil den nächsten hervorbringt und die verschiedenen
Gestalten durch Modifikation eines Grundprinzips entstehen.
Bei einem Besuch im botanischen Garten in Padua begeisterte sich
Goethe für den Reichtum der Vegetation und er glaubte plötzlich beim
Betrachten einer Pflanze, das virtuelle Urphänomen aller Pflanzen
zu sehen: "Alles ist Blatt" schoss es ihm durch den Kopf. Aus
dem Blatt entfalten sich die so verschieden erscheinenden Organe aller
blühenden Pflanzen.
Mit diesem Gesetz, meinte Goethe, kann man noch Pflanzen ins Unendliche
erfinden, die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten
und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Schein sind,
sondern eine natürliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Er war überzeugt,
dasselbe Gesetz ließe sich auf alles übrige Lebendige anwenden.
Mir fiel auf, dass sich Goethes Begriff der Metamorphose als analoges
Denkschema auch auf die Architektur als Gestaltungsprinzip übertragen
ließ. Es war die ständige Suche nach der Urgestalt, nach der
Grundform, aus der die weiteren Verwandlungen hervorgehen. Das Programm
bestand in der Suche nach Ähnlichkeiten und Gleichheiten. Ich erkannte,
dass mit diesem metaphorischen Begriffsdenken sich das festgefahrene
Kausaldenken des Funktionalismus in Frage stellen ließ.
Mehr noch war das der Fall mit dem von Goethe geprägten ganzheitlichen
Begriff der Morphologie. Die Lehre von der Gestalt, der Bildung und Umwandlung
aller Körper. Das morphologische Denken, in dem das ganze Gestaltspektrum
der Architektur erfasst wird und die Antagonismen nicht als konträre
Gegensätze, sondern als komplementäre Ergänzungen wie
das ein- und ausatmen, erscheinen, wurde zum Inhalt meiner architektonischen
Bestrebungen.
Später habe ich darüber eine kleine Schrift mit dem Titel "Morphologie
-City Metaphors" verfasst, in der ich mich auf Goethe beziehe.
Ich begriff die Morphologie auch als Gegensatz zur Typologie,
die heute allenthalben zum richtungweisenden Ordnungsbegriff
der Architektur sich
durchzusetzen beginnt. Der Unterschied zwischen Morphologie und Typologie
liegt darin, dass die Morphologie den gesamten Formen- und Gestaltungsprozess
und dessen Verwandlung von der Urform bis zum höchsten Formenreichtum
im Auge hat, während die Typologie nach Optimierung eines Maximaltypus
sucht. Das eine meint die ständig neue Interpretation der Grundformen,
das andere die optimierte, in sich aber erstarrte Optimalform.
Goethes Lehre von der Morphologie hat sich als allgemeine Wissenschaftsmethode
nicht durchsetzen können und war dem rationalen Denken Newtons in
der Realität weit unterlegen. Erst in letzter Zeit scheint das Bewusstsein
von der Morphologie, von der Erkenntnisgewinnung durch die Sicht der
Metamorphose, der Gestaltwandlung, wieder an Bedeutung zu gewinnen.
Meine schon sehr früh einsetzende Befreiung aus der Dominanz des
Funktionalismus in eine durch Goethes Schriften angeregte Hinwendung
zur Morphologie hatte ich schließlich in ihrer deutlichsten Form
Gelegenheit, in der Stadt zu verwirklichen, in der mir gerade die Goethe-Plakette
verliehen wurde.
Es ist das Architekturmuseum, immer wieder missverständlich als
postmodernes Architekturteil interpretiert ist es doch in Wirklichkeit
die Anwendung von Goethes morphologischem Prinzip der Verwandlung. Im
Inneren das Urhaus, die Primärform, das Haus im Haus, umgeben von
einem Außen-Haus, einer aufwendigen, dekorativen Hülle, als
eine weiterentwickelte Verwandlungsstufe der Urform. Das Museum erklärt
in sich den morphologischen Baugedanken.
Nicht zu Unrecht meinte der damalige Gründungsdirektor Heinrich
Klotz, der Bau markiere das Ende des Funktionalismus, ohne jedoch zu
wissen, dass es ein Goethischer Gedanke war, der hier Pate gestanden
hat. Deshalb sehe ich in der Verleihung der Goethe-Plakette nicht eine
persönliche Auszeichnung, sondern vor allem die Würdigung eines
Baugedankens, der unmittelbar mit der Ideenwelt Goethes verbunden ist.
Ich bin dem Magistrat und vor allem Ihnen, Frau Oberbürgermeisterin
Roth, für diese ehrenvolle Auszeichnung zutiefst dankbar.
Nachträglich bin ich froh, nicht der Maxime Goethes gefolgt
zu sein, mich von jeglicher Kontestation fernzuhalten, denn gerade
hier in Frankfurt
war es zwingend, diese Maxime zu durchbrechen.
In diesem Sinne fühle ich mich allen, die zur Würdigung meiner
Arbeit beigetragen haben, zu größter Dankbarkeit verpflichtet."
Frankfurt
am Main, 4. März 2002
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