Architekturgalerie

Siedlung Belß-/ Lüdeckestraße in Berlin-Lankwitz
Baufrösche Architekten BDA

Leitgedanken zum Entwurf für Berlin-Lankwitz

· Wir nutzen die vorhandene Stadt und ihre Infrastruktur durch die Weiterentwicklung des   Bestandes (Nachverdichtung).
· Wir verwenden die vorhandenen Häuser so wie sie sind, und machen was daraus, statt   sie wegzuwerfen. Das Wegwerfen missachtet immer auch das Leben der Menschen, die darin wohnen.
· Wir fügen dem Vorhandenen etwas hinzu in der Art, dass die bestehenden Qualitäten   weiterentwickelt werden.
· Wir erhalten die vorhanden sozialen Netze und vermeiden so die aus den 70er Jahren   bekannten sozialen Folgekosten der Flächensanierung.
· Wir ergänzen die Stadt mit moderner ökologischer Stadttechnik: neuartige   Regenwassernutzung und Kraft-Wärme-Kopplung.

Weiterbauen

Die Verdichtung der Siedlung erfolgt durch
· Aufstockung
· Kopf- und Anbauten an bestehende Bebauung
· Neubauten

Das heißt das Vorhandene modernisieren und die bestehenden städtebaulichen Qualitäten weiterentwickeln, in ihrem Sinn ergänzen und so die bestehenden Defizite beheben, also die Stadt 'weiterbauen'. Durch die Aufstockung werden die alten 'Baracken' zu 'stolzen' Häusern.
Vier Häuser mit insgesamt 24 Wohneinheiten werden abgerissen und durch fünf Stadtvillen sowie einem Anbau an den Neubau aus dem Jahr 1969 ersetzt (mit zusätzlichen 88 Wohneinheiten + sechs Gewerbeeinheiten). In diesem Neubau ist auch die Energiezentrale mit Kraft-Wärme-Kopplung und die neuartige Regenwassernutzungsanlage untergebracht.

Statt Abriss: Modernisierung, Aufstockung und Neubau

Bestand:
Die vorhandene Bausubstanz – Mauerwerksbauten mit Betonbalkendecken aus den Jahren 1952 / 1953 – ist solide und unkompliziert, sie wird komplett weiterverwendet. Die Gebäude (insgesamt 147 Wohneinheiten) haben gute, aber sehr sparsame Grundrisse - 3-Zimmer-Wohnung mit 63 Quadratmeter Wohnfläche! - das heißt aber auch: tragbare Mieten, allein wegen der Wohnungsgröße.
Kleine, wirksame, mit Mietern abgestimmte Verbesserungen genügen: Balkone beziehungsweise Terrassen, zeitgemäße Bäder, Zentralheizung und vor allem sehr gute Wärmedämmmaßnahmen inklusive Fenstererneuerung. Die gesamte technische Ver- und Entsorgung in den Häusern wurde mit halogenfreien Leitungen erneuert.

Aufstockung:
Die bestehenden Häuser erhalten eine Aufstockung (insgesamt 84 Wohneinheiten). Das ergibt einen vielfältigen Synergieeffekt beispielsweise bei Dach, Wärmeschutz, Ver- und Entsorgungsstränge, zentraler Betriebstechnik, Außenanlagen und so weiter. Die Aufstockung ist die ökologische und ökonomische Ergänzung der Modernisierung.

Neubau:
Die Kopf- und Anbauten (insgesamt 61 Wohneinheiten) setzen die bestehenden Gebäude im gleichen Profil fort und nutzen die verfügbaren Restflächen. Sie sind eine Stadt-Reparaturmaßnahme. Durch die Neubauten lässt sich der eindimensionale Wohnungsspiegel des Bestandes ergänzen.

Erhalt der guten vorhandenen Freiräume:
Die Siedlung hat einen schönen und wertvollen Baumbestand und zum Teil liebevoll gepflegte Mietergärten. Die gewählte Technik, vorgefertigter Holzleichtbau für die Aufstockung, und der minimierte Abbruch von Gebäuden schont die vorhandenen Außenanlagen. Durch die Aufstockung wird keine zusätzliche Fläche versiegelt. Bei Aufstockung und Modernisierung musste kein einziger Baum gefällt werden.

Erhalt der vorhandenen sozialen Netze:
Die Bewohner der Häuser sind da, schon lange. Sie kennen ihre Gebäude und die für uns oft versteckten Probleme. Damit sie während der Bauarbeiten vor Ort bleiben können, wurde ein Umsetzdorf gebaut, in dem sie während der Arbeiten in ihren Häusern für 12 bis 16 Wochen wohnten. Dadurch bleiben die Kinder in derselben Schule, die Adresse und Telefonnummer bleibt die gleiche. Die Bewohner bleiben Teil und Beteiligte des Veränderungsprozesses, die Identifikationsbereitschaft wächst.

Die sozialen Netze bleiben erhalten
· durch sozialverträgliche Mieten;
· durch eine, den gesamten Planungs- und Bauprozess begleitende, Mieterbetreuung;
· durch ein, die verschiedenen Mieterwünsche berücksichtigendes Umsetzmanagement,   wodurch zum Teil 30 Jahre alte Nachbarschaften bestehen bleiben konnten;
· durch ein breiteres Angebot an Wohnungsgrößen, womit für alle individuellen   Nutzungsansprüche der passende Wohnraum innerhalb der Siedlung gefunden wurde
·
Die bestehenden sozialen Strukturen werden bereichert, die Siedlung wird 'lebendiger' durch die Erhöhung der Wohndichte und Ergänzung mit Sonderwohnformen wie
· Wohngemeinschaftswohnungen (fünf 6- beziehungsweise 7-Zimmer-Wohnungen);
· Atelierwohnungen für Künstler (drei Wohneinheiten);
· Wohnungen für geistig Behinderte (acht Wohneinheiten und Therapieraum)
· Gemeinschaftsräume im umgebauten ehemaligen Waschhaus
· Geschäfte des täglichen Bedarfs und Internetcafe

Moderne ökologische 'Stadttechnik'

Minimierter Wärmebedarf
· durch erheblich verbessertes Verhältnis von Außenfläche zu Volumen mit der   Aufstockung und den Kopfbauten
· überdurchschnittliche Wärmedämmung,
  im Bereich Aufstockung: Wände, Decken- und Dachflächen aus vorgefertigten   Holztafelbauelementen mit einem k-Wert von 0,19 W/K und ausreichendem   Dachüberstand zur Vermeidung der Aufheizung durch Sonneneinstrahlung.
  im Bereich Mauerwerksbau: 15 cm WDVS mit Organ-Silikat-Putz auf 24 cm HBL-  Mauerwerk mit einem k-Wert von 0,25 W/K und neuen Fenstern mit   Wärmeschutzverglasung.

Die Siedlung erhielt eine Heizzentrale mit Kraft-Wärme-Kopplung mit Verteilung der Wärme über hochgedämmte Erdleitungen zusammen mit einem eigenen Stromverbundnetz. Der Energieträger ist Erdgas.

Neuartige Regenwassernutzung
· Sammlung des Regenwassers von Dach, Parkplatz und Straße/Gehweg über die   vorhandene Kanalisation in einer Zisterne
· biologische Reinigung des Wassers über bepflanzte Kiesfilter-Kaskade mit   anschließender UV-Desinfektion
· Nutzung des hergestellten Betriebswassers - 9/Tag - für die WC-Spülung von 80   Wohnungen

Siedlungsdaten

1952/53: Bau der Siedlung in 'Schlichtbauweise' für 'unschuldig in Not geratene Familien'
1965: 'Umwandlung der wohnraumähnlichen Lagerünterkünfte zu vollwertigen Wohnungen'
1994 bis 1995: Planung
1995 bis 1998: Bauzeit

Bauherr: GSW Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin mbH

Genaralplanung:
Baufrösche Stadt- und Bauplanungs GmbH
Mitarbeiter: Ines Perka, Peter Wernicke, Anne Barbara Kindler
Örtliche Bauleitung: Frank Redecker-Christiansen

Statik: Lindschulte & Partner, Nordhorn (Mod/Inst und Aufstockung)
Elektrotechnik: Dipl.-Ing. Norbert Macha, Berlin
Sanitärtechnik und Regenwassernutzung: Sanitärsystemtechnik, Berlin
Heizungstechnik: Planungsbüro für Energietechnik, Berlin
Aussenanlagen: GSW, Herrr Fischer

Fotos: Veit S. Müller, Hamburg

Kontakt
Mainzer Landstr. 166
60327 Frankfurt am Main
Telefon: 069 – 60 32 40-21
Telefax: 069 – 60 32 40-29
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